Historisches

Anno Domini 1772: Das Datum in der alten Tür zum Keller...und es war geschehen!

Es war 1772 als:

- James Cook seine zweite Südseereise mit dem Ziel Terra Australis antritt.
- Polen zwichen Russland und Preussen aufgeteilt wird.
- Die Inselgruppe der Kerguelen in der franz. Subantarktis entdeckt werden.
- ...achso und in Pottum im Westerwald ein Haus gebaut wird.

 ...und es war 2021 als ich bei der Maklerbesichtigung unseres späteren Hauses diese Jahreszahl in der antiken Kellertür entdekte.... spätestens jetzt wollte ich das Haus kaufen. Den Rest des Hauses hatte ich allerdings noch garnicht gesehen. 

Unser Haus: Das Einhaus


Das typische Westerwälder Einhaus. Auch als Quereinhaus, Einheitshaus, Einfirsthaus oder Niederlasshaus bezeichnet. In diesen Bauern-Häusern war früher der Wohnbereich und der Wirtschaftsbereich mit Scheune und Stall unter einem Dach vereint. 

Als Niederlasshaus wird es bezeichnet, da man eine Dachseite sehr stark „abgeschleppt“ hat, d.h. heruntergezogen bis, wie in unserem Fall, kurz über die heutigen Fenster der FeWo. Dadurch entstand der „Niederlass“ durch den man noch die Fläche eines weiteren Raumes gewinnen konnte. Im Fall der FeWo sind es die Räumlichkeiten von Wohn-&Esszimmer sowie des Schlafzimmers. 

Über der heutigen FeWo war der Stroh- und Heuspeicher untergebracht. Auch heute noch wird dieser Bereich im Haus zur Lagerung von Dingen genutzt. Eindrucksvoll ist der Blick in den sehr hohen Dachstuhl mit 7-8 Metern. 

Die ursprüngliche Dacheindeckung für Häuser im Westerwald war übrigens das Roggenlangstroh! Niederlasshäuser findet man im Hohen und Oberen Westerwald. 

Das Schicksalsjahr 1796

Die Koalitionskriege haben Limburg und den Westerwald erreicht und....unser Haus!

 

Das Haus - Ein Zeitzeuge der „Kanonade von der Lahn“ 1796 

1. Die Erbauung (1772)
Ihr Haus wurde im Jahr 1772 als stattliches Westerwälder Einhaus (Niederlasshaus) errichtet. Mit einer Breite von 18 Metern und einer Tiefe von 9 Metern war es zur Zeit seiner Erbauung eines der größten und wertvollsten Gebäude in Pottum. Als kombiniertes Wohn- und Wirtschaftsgebäude unter einem gewaltigen Dach repräsentierte es den Wohlstand einer einflussreichen Bauernfamilie der dörflichen Oberschicht. 
2. Das Schicksalsjahr 1796: Die Kanonade von Limburg 
Im September 1796 geriet Pottum in den Sog des Ersten Koalitionskrieges. Während im nahen Limburg die „fürchterlichste Kanonade“ der Geschichte tobte, wurde Ihr Haus aufgrund seiner Größe und zentralen Lage zum strategischen Objekt: 

  • Offiziersquartier: Die „Gute Stube“ mit ihren massiven, 35x40 cm dicken Eichenbalken diente höchstwahrscheinlich als Kommandozentrale für französische oder österreichische Offiziere (Bild oben)
  • Logistikzentrum: Die zentrale Diele und die großen Stallungen boten Platz für Kavalleriepferde und Kriegsmaterial. Über die massiven Basaltstufen Ihrer Kellertreppe stiegen Soldaten hinab, um Vorräte zu requirieren oder Schutz zu suchen.
  • Refugium im Keller: Während oben das Militär herrschte, bot das originale Kellergewölbe mit seinen Wandnischen der Besitzerfamilie Schutz. In den kleinen Nischen brannten Talgkerzen, während hinter den heute noch sichtbaren Scharnieren der Wandnische die letzten Wertsachen vor Plünderungen versteckt wurden.

3. Das Brandereignis und der Wiederaufbau
Die angekohlten Balken im Dachstuhl sind stumme Zeugen einer Katastrophe. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Haus während der Rückzugskämpfe der Franzosen im September 1796 in Brand geriet – eine typische Folge der „verbrannten Erde“-Taktik oder unvorsichtiger Einquartierung. 

  • Rettung des Hauses: Dass die Balken nur angekohlt sind, beweist die enorme Widerstandskraft des Eichenholzes und den Mut der damaligen Bewohner, die das Feuer löschen konnten.
  • Bauliche Veränderung: Nach dem Brand wurde der Dachstuhl repariert. Dabei wurde die ursprünglich steilere Dachneigung des Barocks zugunsten einer flacheren Konstruktion verändert. Die Verwendung von vierkantigen, handgeschmiedeten Eisennägeln belegt, dass dieser Umbau noch in der Zeit um 1800 mit traditionellem Handwerk erfolgte.

4. Heutiger Zustand (2026) 
Heute, über 250 Jahre nach seiner Erbauung, ist die Schulstraße 8 in Pottum ein seltenes architektonisches Denkmal. 

  • Originale Bausubstanz: Die erhaltene Podesttreppe, die massive Balkenlage der Stube und das Kellergewölbe mit Sickergrube und Lüftungsschacht machen die Geschichte physisch greifbar.
  • Bedeutung: Ihr Haus hat nicht nur gewohnt, sondern die Geschichte überlebt. Es ist ein „gebautes Geschichtsbuch“, das die dramatischen Ereignisse der napoleonischen Ära im Westerwald konserviert hat.

 

Wie war das vermutlich damals während und nach der Schlacht an der Lahn? 


Stellen Sie sich vor, wir drehen die Zeit zurück. Es ist der
17. September 1796, ein kühler, nebliger Morgen im Westerwald. Der ferne Kanonendonner von der Lahn liegt wie ein tiefes Grollen in der Luft. Ihr Haus in der Schulstraße 8 ist kein Ort der bäuerlichen Ruhe mehr – es ist ein summender Bienenstock militärischer Aktivität.
Hier ist die fiktive aber mögliche Reise durch Ihre Räume zur Zeit der Kanonade:

Die gute Stube: Das Gehirn der Operation
Der Blick gleitet unter dem gewaltigen 35x40 cm Deckenbalken hindurch. Der Raum ist in blaues Licht getaucht, draußen zieht der Nebel vorbei. Auf dem massiven Holztisch liegen keine Brote, sondern ausgebreitete Militärkarten des Westerwaldes.
Ein französischer Oberst der Sambre-Maas-Armee, staubbedeckt und erschöpft, beugt sich über die Karten. Das rhythmische Ticken einer Wanduhr wird vom Klirren seiner Sporen übertönt, während er mit dem Finger die Rückzugsroute über Rennerod nach Altenkirchen nachzieht. Der mächtige Eichenbalken über ihm scheint die Last der Verantwortung und das Gewicht der Geschichte mit seiner schieren Masse zu tragen. 

Die Diele: Der tosende Umschlagplatz 

In der zentralen Diele herrscht pures Chaos. Die Luft ist erfüllt vom Geruch nach nassem Leder, Pferdemist und Tabak. Depeschenreiter stürmen durch das große Tor herein, bringen Meldungen von der Front bei Limburg. Ihre schweren Stiefel poltern auf dem Boden. Hier werden hastig Befehle geschrien, Säbel werden nachgeschliffen, und ein junger Soldat lehnt erschöpft an der Wand, während er versucht, seinen zerrissenen Rock zu flicken. Die Diele ist das pulsierende Herz des Hauses, in dem sich Sieg und Niederlage im Minutentakt abwechseln.

Die Küche: Die Fabrik des Überlebens
In der Küche lodert das offene Feuer. Es ist heiß, rauchig und laut. Die Töpfe sind riesig. Die Hausherrin, mit rußverschmierten Händen, rührt in einem gewaltigen Kessel Suppe für fünfzig hungrige Mäuler. Soldaten drängen sich um den Herd, versuchen ihre nassen Gamaschen zu trocknen. Es gibt keinen Moment der Ruhe; die Küche ist zur Versorgungsstation einer fremden Armee geworden. Der Duft von einfachem Getreidebrei vermischt sich mit dem beißenden Geruch von Schwarzpulver, das an den Uniformen der Männer haftet.

Das Obergeschoss: Das Lazarett der Stille
Wir steigen die originale Podesttreppe hinauf. Hier oben, in den Kammern, ist die Atmosphäre drückend anders. Es ist das provisorische Lazarett. Auf einfachen Strohsäcken liegen junge Männer, die in den Gefechten an der Lahnbrücke verwundet wurden. Das Sonnenlicht fällt schräg durch die Fenster und tanzt im Staub. Man hört das gedämpfte Stöhnen der Verletzten und das leise Flüstern eines Feldschers. Die Treppe, über die heute Kinderfüße laufen, trägt das Echo der schweren Schritte der Sanitäter, die ihre Kameraden nach oben schleppten.

Der Dachstuhl: Das drohende Inferno
Man blickt nach oben in das gewaltige Gebälk. Hier oben lagert das trockene Heu für die Pferde im Stallteil. Wir sehen die vierkantigen, handgeschmiedeten Nägel, die im Holz stecken. Plötzlich die Sicht auf die angekohlten Balken an der Außenwand. Es ist eine dramatische Szene: Funkenflug oder ein unvorsichtiges Licht hat das Holz entzündet. Man sieht im Geiste die Bewohner und Soldaten mit Eimern voller Wasser die Leiter hochhasten, um das Übergreifen der Flammen auf das ganze Dorf zu verhindern. Das schwarze, verkohlte Holz erzählt vom schmalen Grat zwischen Überleben und völliger Vernichtung.

Der Keller: Das unterirdische Refugium

Wir steigen die Basaltstufen hinunter in das kühle Gewölbe. Hier unten herrscht eine sakrale Stille. In den kleinen Wandnischen flackern einsame Talgkerzen. Die Sickergrube am Boden reflektiert das schwache Licht. In einer Ecke kauert die Besitzerfamilie, die Kinder fest an sich gedrückt. Die Hausherrin schließt gerade die kleine Holztür der Wandnische über der Sickergrube ab – darin liegen die letzten Ersparnisse und das Kruzifix. Während oben die Stiefel der Offiziere über den Stubenboden dröhnen, ist dieser Keller der einzige Ort, an dem die Menschlichkeit und die Angst der Pottumer Bürger ein Zuhause finden.
 
Dies ist die Geschichte, die in den Wänden Ihres Hauses schläft. Sie wohnen in einer Kulisse, die einst Weltgeschichte atmete.